Yellow Moon - 100% FINEST ACOUSTIC MUSIC FROM AMERICA
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15.05.2007 - Die Entführung

„Ach, wär´ ich doch eine Piccoloflöte...“

Die wahre Geschichte eines Kontrabasses auf Abwegen.

Endlich. Endlich war ich da wo ich hin sollte.

Es war mal wieder eine lange Reise im Yellow-Moon-Bus. Abgesehen davon, dass ich ziemlich bequem gelegen hatte, war die Reise für mich wenig erbaulich. Nie werde ich auf der Raststätte Kassel-Ost mitgenommen. Keiner denkt mal daran, dass auch ein Dreiviertel-Bass wie ich seine Bedürfnisse hat. Gerne würde ich zwischdurch mal in die Waagerechte gebracht werden, was für einen wie mich ja quasi eine Berufung darstellt...ausserdem muss ich mir ewig diese niveaulosen Filme anhören, die die Band im Bus zu sehen pflegt – das pure Grauen!

Nun gut, es sei verziehen, werde ich doch an sonsten wie ein rohes Ei behandelt.

Ich kannte schon andere Kontrabassisten – denen war ich zeitweise völlig schnurz, vor allem nach dem Konzert, aber mein lieber Sören ist anders.
Immer stellt er mich gepflegt hin. Bei uns zu Hause darf ich bequem an einer exponierten Stelle stehen, bei gutem Klima, sehr Schellack und Holzfreundlich. Ich will mich also nicht beklagen.
Doch was ich auf dieser Reise ins wahrlich schöne Allgäu erleben musste ging auf keine Kuhhaut, geschweige denn auf eine Kontrabassdecke!

Am Anfang war alles noch ganz normal.

Wir kamen in der der Konzerthalle an, die dort -Kornhaus- genannt wird. Es wurde aufgebaut und der Soundcheck lief wie immer. Mit meinem neuen Hackenporscheverstärker klinge ich nun auch ganz passabel, nach meinem eigenen Holz. Kein Grund bis hierher sich aufzuregen.

Doch dann kam der Klopper! Die Musiker beendeten den Soundcheck, Sören tütete mich in meine Hülle ein und man ging zum Essen.

Ich jedoch wurde im großen Backstageraum mutterseelenallein zurückgelassen.

Ein paar Stunden vergingen, da wurde ich angehoben und mitgenommen. „Ungewöhnlich“, dachte ich so bei mir, denn eigentlich hatte ich erwartet, dass ich einfach aus meiner Hülle genommen und losspielen würde.

Ich lauschte angestrengt, was da draussen vor sich ging. Ich vernahm fremde Stimmen! „Was ist los“?, dachte ich und wollte schreien, aber ich war ja noch eingepackt und zu keiner Schwingung fähig.

Ich hörte wie man die Treppe hinunter, auf die Strasse ging. „ENTFÜHRUNG!“, wollte ich rufen, aber wie das anstellen, so umhüllt wie ich war?!

Ungefähr fünf Minuten Fussweg wurde ich getragen, dann wieder hinein in ein Gebäude (man ist ja doch schon musikalisch und kann Strasse von Raum unterscheiden).

Da wurde ich hingelegt und ausgepackt.

Wo war ich? Wer fasste mir da an den Hals? Es wurde eine fremde Sprache gesprochen – die Sprache in der in meiner Band gesungen wird, aber es waren fremde Menschen...kein Sören, kein Geschäftsführer weit und breit! Noch nie hatte ich mir so sehnlich gewünscht, ich wäre eine Piccoloflöte!

Da packte ich die Gelegenheit beim Schopf und fing fürchterlich an zu jammern und zu schreien! Ich knurrte und bog mich was das Zeug hielt, aber der Kommentar meines Entführers war anders als erwartet: Es schien im zu gefallen! Begeistert von meinem Tonumfang und dem knurrigen Klang griff er gar überschwenglich in meine Saiten, bis hin zum Daumenaufsatz. Dieser Depp – wusste er doch nicht, dass ich an dieser Stelle sehr kitzelig bin und so krümmte ich mich ungewollt vor Lachen und konnte dieser Tortur die nächsten zwei Stunden nicht entkommen.

Die Zuhörer im Raum schienen diese Art Gejammer jedoch zu mögen...sie nannten es „Freejazz“. Ich fühlte mich aber ganz und gar nicht free, ehr gefangen und gebeutelt.

Wo blieb mein Sören? Schickte man mir denn keine Rettung? Vermisste man mich nicht? Ich wollte augenblicklich in meine achtunddreißig Einzelteile zerfallen...ich, hier im fernen Süden, in fremden Händen, mich beugend unter der Last furchterregender Musik...mein Ende schien nah.

 

Doch dann, cirka in der Mitte des Konzertes kam jemand mit einem Ausweis um den Hals, der meinte, ich sei ein falscher Bass.

„Also, ich muss schon bitten!“, schrie ich. „Falscher Bass! Was soll das denn heißen?! Was kann ich dafür, wenn ihr Blödhammel mich einfach entwendet?! Ihr habt es doch versiebt – nicht ich!“

Mein Gequake passte wohl sehr schön in die dargebotene Musik, so dass der fremde Bassist mich nicht hergeben wollte. Da ging der Mann mit dem Ausweis wieder. Oh je, und nun? Hätte ich vielleicht lieber den Mund halten sollen?

Doch dann, zwanzig Minuten später kam die Rettung: Wie einem dunklen Engel gleich, ziemlich sauer und besorgt, erschien mein Sören in der Tür und – nahm mich mit, zum Tausch gegen den eigentlich bestellten Leihbass.

Jetzt würde alles gut werden! Mir doch egal, dass der Amerikaner sich nun mit einer anderen Mensur als der meinen abquälen musste.

Ich gab meinem hölzernen Kollegen noch schnell ein paar Tipps mit auf den Weg und lies mich dann froh und erleichtert zur Tür hinaus, zurück in den Schoß meiner Mondfamilie tragen.

Ich war selten so froh, wenn auch vollkommen erledigt, durch das Geschehene!

Dennoch strengte ich mich ob meiner glücklichen Rettung wirklich an, den nun folgenden Auftritt mit meiner Heimatband Yellow Moon gut zu meistern.

In dieser Nacht schlief ich wie eine ausgediente Bratsche.                                                 kb.

 

 

 

 

 

 

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